
März 2002, Mexiko
7. märz 2002 - guachochi/sinforosa (barranca sinforosa)
ich hatte eine gute nacht, auch wenn's gelegentlich im zimmer raschelte… ratten! nun wusste ich auch den tipp mit dem zelt sehr zu schätzen (*uah!*). froylan und martin waren bereits auf dem weg nach guachochi, als ich aufwachte. übrigens fahren sie ein- bis zweimal die woche nach guachochi, um sich zu duschen. „noch fragen?!“ ich sagte beiden gestern abend, dass ich spätestens um 18.00 uhr wieder zurück sein werde, spätestens. ich erzählte beiden nix von meinem geburtstag, warum auch… so startete ich gegen 9.00 uhr mit brot, zwei litern wasser, windjacke. halt allem, was man so für einen tagesausflug brauchen kann. hatte ich gestern noch überlegt, eventuell unten zu übernachten, schlafsack und zelt mitzunehmen, verwarf ich diesen gedanken, nachdem mich martin „ins gebet nahm“. auch froylan, der hier jeden kieselstein kennt, riet mir davon ab… also, es sollte ein tagesausflug werden… sollte! ich werde wohl nie vergessen, wie ich in diese wirklich einmalige schlucht eingestiegen bin. auch wenn ich grundsätzlich kein freund von superlativen bin, es war beeindruckend. in jeder hinsicht! sicher (noch) etwas ganz besonderes, ganz unberührtes, einsames. manchmal ein indianer, ansonsten kein mensch weit und breit! ich war „gut im futter“, machte nach einer stunde rast und war erstaunt, wie weit unten ich bereits war. beim ersten stopp stellte ich fest, dass wohl meine heissgeliebte adidas-trainingsjacke, die ich einst in brisbane mit jeromé gekauft hatte, verschütt gegangen ist. „merde!“ (oder auch nicht?! ich war mir nicht mehr ganz sicher, ob ich sie denn nun noch an den rucksack heran gehangen hatte – oder nicht). weit unten sah ich den fluss, in greifbarer nähe. es war gerade mal 10.00 uhr und ich entschied mich spontan, doch ganz runter zu gehen, auf 460 meter (von gut 1.900 meter kommend). ich raste förmlich. so wie die tarahumara indianer, die dafür bekannt sind, dass sie die berge rauf und runter rennen (kein witz!). nur, dass ich kein tarahumara bin und diese art der anstrengung mir doch eher fremd ist (*schmunzel*). wie auch immer, ich war doch tatsächlich nach zweieinhalb stunden unten, am fluss. fertsch, aber auch sehr, sehr zufrieden. „wat bin ich doch für'n hecht“, dachte ich noch bei mir! ich stärkte mich, fühlte nach… genoss die natur, die stille... aber doch trübte mich der blick von hier unten nach da oben. „uih, juih, juih!...“, dachte ich so bei mir… es war 12.20 uhr, als ich wieder los bin. neeh, nicht wieder hoch, es ging den fluss entlang. es sollte noch irgendwo eine brücke kommen, die den fluss überspannt und ins richtige indianerland führt. ich merkte deutlichst, dass mich meine „short-cuts“ sehr viel kraft gekostet haben. schliesslich hatte ich mich nur selten auf den tracks bewegt (dies auch der grund, warum ich meine jacke verlor. ins gestrüpp, durchs gestrüpp. mal hier, mal da ausgerutscht, in die kakteen gegriffen, schramme hier, schramme da...). ich erreichte die hängebrücke, die einen recht abenteuerlichen eindruck machte, ob der gebrochenen holzbalken und holzstöcke, die provisorisch zwischen gelegt wurden... sehr abenteuerlich! danach ging es weiter. „wieder zurück, 'nauf?“ „nee, wo denkt ihr hin? calle, der hecht, geht doch nicht den selben weg wieder zurück. wäre doch viel zu langweilig!“ also weiter den fluss entlang, bis zur ehemaligen mission und dann rechts rein. an dem kleinen fluss entlang, den martin mir auch beschrieben hatte. ich guckte noch einmal 'nauf, schnaufte durch und es sollte losgehen, so gegen 14.00 uhr. ich hatte also gute vier stunden für den aufstieg. „ist doch nix, für so'n hecht – oder?“ es sollten etwas mehr als 1.400 höhenmeter zurückgelegt werden. so langsam wurde auch dem hecht klar, was da auf ihn zukommen sollte. da ich den plan hatte, links des flusses zu bleiben, um irgendwann meine wasservorräte aufzufrischen, hiess es wieder „short-cuts“. und „short-cuts“ kosten kraft, vor allem bergauf. teilweise echtes bergklettern, so mit bauch auf dem felsen und hoch-hangeln (und selbstverständlich absturzgefahr!). recht schnell war ich sehr, sehr kraftlos, spürte meine schwäche überall. so entschied ich, meine taktik zu ändern. quasi: „ich stell' mich auf den gegner ein“. „wie die/das aussah?“ (ich muss gerade selbst lachen, heftigst! tag des updates: 17. märz, 19.22 uhr). zehn minuten bergauf gehen, fünf minuten rasten… „so einfach ist das!“, so der hecht – noch durchaus positiv denkend. um 15.00 uhr war schluss. „keeenen meter weiter!“, sagte der hecht. neue taktik!! eine stunde ruhen, genau hier, mitten auf dem pfade... das war die lösung. und dann um 16.00 uhr letztes aufbäumen und „angriff“ auf die wohl verbliebenen 1.000 höhenmeter. ich war schon halbwegs tot, als es tatsächlich um 16.03 uhr weiter ging. wäre doch gelacht: „calle, jungeeeeh – komm!“ ein letzter „short-cut“ sollte mir beinahe das genick brechen (bildlich). ich kam nämlich irgendwann nicht mehr weiter, erhöhte und verbindliche absturzgefahr! der abstieg war mit einigen stürzen (gott sei dank leichterer natur und mit dem beistand meines „bruders zufall“...) verbunden. danach ging garnix mehr. ich meine nix mehr! „so muss sterben sein“, dachte ich bei mir. nix zu essen, wenig wasser im tank, kraftlos wie es kraftloser nicht geht. niemals zuvor habe ich solch einen erschöpfungsgrad erlebt. ich bin 1988 nach vier stunden marathon noch 90 minuten bei einem fussballspiel der ersten herren-mannschaft „herumgeturnt“, weiss also wovon ich da rede… weiss, was erschöpfung heisst. „soooo sieht sterben aus“, dachte ich bei mir – „mutterseelenallein, fern der heimat“. und als ich wirklich nach jedem schritt dem umkippen nahe war (es kamen auch so langsam schwindelgefühle und leichter brechreiz auf), entschied ich, dass es reichte. genau da, wo ich stand, sollte mein nachtquartier sein! ich schleppte mich noch anderthalb meter hoch, suchte mir ein schönes plätzchen (muss schon wieder lachen!), räumte ein paar steine weg und begann mich für die nacht der nächte – im übrigen meine geburtstagsnacht! – vorzubereiten. ich meine mich zu erinnern, dass es 17.24 uhr war, als ich gen boden sank. ich suchte mir eine stelle an einem felsen, leicht abschüssig, gut 20 grad. na ja, von wegen suchen… wie gesagt, keeenen meter ging es mehr. so sieht sterben aus, ganz sicher! wie in diesen filmen, wenn sich die bergsteiger die letzten 20 meter nicht mehr ins rettende zelt schleppen können. wie oft hat es dies auch in der realität gegeben und wie viele menschen sind dabei erfroren? nun, nun kann ich annähernd erahnen, nachfühlen, was sich da in einem menschen abspielt – an gedanken... zur beruhigung – für euch und mich –, erfrierungsgefahr bestand nicht, höchstens unterkühlung (*ha, ha!*). ich meine gut 1.200 meter hoch gewesen zu sein. es hatte nämlich noch moskitos und war – nach sonnenuntergang und in der nacht – recht kühl, will sagen arschkalt! „habt ihr schon einmal auf den sonnenuntergang gewartet – und darauf, dass sie wieder aufgehen möge, die sonne? neeeeeh!?“ muss man nicht haben, ganz sicher nicht. ist aber ein einmaliges erlebnis, eine erfahrung, die unter die haut geht! im übrigen hatte mir froylan noch etwas von skorpionen, pumas (kein witz!) und wildkatzen erzählt. aber sonst wäre es wirklich ungefährlich – wie beruhigend! so präparierte ich mich, profi wie ich bin: ich bastelte eine steinschleuder, baute meinen propan-gaskocher zusammen „ich werd' ihm feuer geben, diesem puma, diesem...“, klappte mein messer aus, sammelte kleine steine, zum verscheuchen... halt 'nen echter profi, hecht-profi! die dämmerung setzte ein, ganz langsam… wann wird es wieder hell? so gegen 6.00 uhr wird es wohl wärmer, heller!! mensch, schlappe zwölfeinhalb stunden, so auf dem feuchten boden, in sanfter schräglage (immer aufpassend, nicht bergab zu rutschen), nur mit windjacke bekleidet, leichtes t-shirt drunter… na das ist doch fast wie'n kindergeburtstag – fast! es sollte 20.00 uhr werden, bis es so richtig dunkel wurde. die sterne ihrem spiel nachgingen, die satelliten sichtbar ihre kreise zogen und es kälter, spürbar kälter wurde. gelegentlich hörte ich einen laut, steine kamen ins rollen. getier sprang herum, wohl kleines – weit weg. ich meine dann auch eingeschlafen zu sein… kein wunder, ob des totalen erschöpfungszustandes. ich meine auch, erstmals gegen 23.00 uhr aufgewacht zu sein. „warum?“ ich weiss nicht, es war kalt, sehr kalt! dann wohl noch mal gegen 1.14 uhr, gegen 3.20 uhr, 4.15 uhr. von da an blieb ich wach. darauf hoffend, dass auch an diesem tage die sonne wieder aufgehen möge. alte, ganz alte kulturen haben in diesen augenblicken immer ihre opfer erbracht: tiere, hübsche frauen, gold... ich hatte von allem nix! gegen 5.00 uhr wurde es leicht heller, meine ich… aber nicht wärmer, höchstens kälter – und das war keine einbildung! mittlerweile hatte ich aber auch dafür eine taktik entwickelt, hecht der ich bin: ganz einmummeln in die windjacke. arme auf den bauch legen, kreuzen, rotieren, schulter und nieren mit den handflächen wärmen. und immer kräftig durchatmen, warme, ausgeatmete luft in die jacke reinpusten. tatsächlich glaube ich heute, dass mich diese technik vor schlimmerem bewahrt hat (unterkühlung). um 5.45 uhr bereitete ich mich moralisch darauf vor, um 6.00 uhr, wenn ich wieder die steine auf dem boden erkennen sollte, zu starten. was mit dem frühstück war, ob das wasser gereicht hat, ob meine müden knochen überhaupt weiter konnten... all das erfahrt ihr, wenn es wieder heisst: „drogen, pumas – und ganz besonders schlaue hechte!“
p.s.: übrigens: “happy birthday!“ dieser geburtstag wird mir wohl sehr, sehr lange in erinnerung bleiben. es gab nicht ein einziges bier!! zurück





